UNTERSUCHUNGS-METHODIK

(dankenswerterweise redigiert von H.O. Baral)


Allgemein werden die Dermateaceae als merkmalsarm angesehen, sicherlich mit ein Grund für die Schwierigkeiten bei der Artabgrenzung. Dies ist sicherlich richtig, doch gibt es bei Beobachtung von lebendem Material einige weitere Kennzeichen, die jedoch in Herbarmaterial nicht mehr oder nur noch derart verändert sichtbar sind, dass zu ihrer Interpretation einige Erfahrung nötig ist (vgl. dazu BARAL 1992). Es ist also einer Untersuchung von Frischkollektionen unbedingt Vorrang vor getrocknetem und damit meist totem Material einzuräumen. Leider ist es noch immer nicht allgemein üblich, das Untersuchungsmedium und vor allem den Zustand der untersuchten Kollektion (vital oder tot) anzugeben, so dass Ergebnisse verschiedener Beobachter oft nicht direkt vergleichbar sind.

Als Untersuchungsmedium dient Leitungswasser, bei Herbarmaterial KOH 3%. Die Verwendung einer schwachen Kochsalzlösung bei vitalen Aufsammlungen erbrachte keine Verbesserung gegenüber Leitungswasser und entspricht nicht den natürlichen Umständen (Regenwasser).
Im Normalfall wird man zuerst einen Schnitt durch ein Apothecium in Wasser betrachten (Vergrößerung ca. 100-400fach), wobei folgende Fakten von Wichtigkeit sein können:
  • Stärke und Färbung des ectalen Excipulums (äußerste Schicht)
  • Lage, Form, Färbung, Größe und Septierung der Randzellen bzw. –haare
  • Übergang vom ectalen Excipulum zur Medulla: Ist eine dünne Schicht aus parallel zum Hymenium verlaufenden Hyphen vorhanden (im weiteren „Mediostratum“ genannt) ?
  • Inhalt der Parapyhsen und deren Form (Länge und Form der lichtbrechenden Vakuole(n), Anzahl der Septierungen, Länge der obersten Zelle). Gelegentlich vorkommende apikale Aufblähungen sind kein Artmerkmal, sondern möglicherweise altersbedingt.


  • Anschließend kann das Präparat leicht (!) gedrückt werden, um die Lagen etwas dünner zu machen, ohne dabei aber die Asci abzutöten. Dann wird (nach BARAL 1992: 373) Kalilauge 2-10% eingeleitet und beobachtet, ob die Paraphysenvakuole bei ihrem Verschwinden eine gelbe (selten andersfarbige) Reaktion zeigt oder nicht. Diese kann dauerhaft sein oder zumeist über kurz oder lang wieder verschwinden. BARAL (in WEBER 1992: 88) gibt hierzu eine Aufstellung von Arten mit bzw. ohne dieser Reaktion. Ich halte diese Reaktion für ein gutes Artmerkmal, da es sich bei den meisten Arten als konstant erwiesen hat. Im Gegensatz zu BARAL (o.c.) glaube ich nicht, dass diese Reaktion nur bei lebendem Material eindeutig ist. Etliche über 100 Jahre alte Belege zeigen noch heute eine eindeutige, intensive Gelbreaktion. Ob sie allerdings immer auch an totem Material eindeutig ist, kann wiederum auch nicht mit letzter Sicherheit behauptet werden. Vorsicht ist bei der Beurteilung schwacher Reaktionen geboten, da das Einleiten von KOH oftmals die Färbung des ectalen Excipulums (bzw. dessen Geleinlagerungen) beeinflußt, so dass eine Gelbfärbung vorgetäuscht werden kann. Auch ist bei älteren Exsikkaten gelegentlich eine durchs Exsikkieren bedingte Gelbverfärbung des Hymeniums bzw. aller ursprünglich hyalinen Strukturen zu beobachten, die nicht mit einer positiven KOH-Reaktion verwechselt werden darf. Von einer positiven Reaktion der Paraphysenvakuole kann man sprechen, wenn der gelbe Farbstoff auffällig ins umgebende Medium diffundiert.
    Folgende weitere Untersuchungen müssen folgen:
  • Hakenverhältnisse an der Ascusbasis. Dies wird am besten vital in Medianschnitten untersucht. Bei Herbarmaterial hat sich eine Anfärbung mit Kongorot/Ammoniak nach KOH gut bewährt.
  • Reaktion des Apikalrings des Ascus auf Jodlösungen. Gewöhnlich ist eine blaue Reaktion in IKI ohne KOH-Vorbehandlung (Jod-Kalium-Jodid = Lugol, euamyloid "Typ BB", s. BARAL 1987). Manche Mollisia-Arten zeigen aber ohne Vorbehandlung mit KOH eine rote Reaktion auf IKI, die nach Behandlung mit KOH irreversibel blau ausfällt (= hemiamyloid, "Typ RR", s. BARAL o.c.). Man sollte also bei Exsikkatuntersuchungen unbedingt zuerst ein Wasserpräparat machen und dieses dann mit IKI versetzen, statt sofort in KOH aufzuquellen. Ebenso wird durch eine KOH-Vorbehandlung eine schwache Reaktion oft merklich (optisch) verstärkt (Präparat muss vor Jodzugabe etwas gewässert werde, um das KOH weitgehend zu entfernen). Auch können verschieden hohe Jodkonzentrationen unterschiedliche Reaktionen (blau und rot) am selben Ascus hervorrufen (blau bei schwachen Konzentrationen, schmutzig rot bei hohen, "Typ RB").
  • Diverse Messungen (Asci, Paraphysen, Sporen etc.). Sie sollten vorzugsweise an lebenden Zellen im Wasserpräparat vorgenommen werden. Reagenzien bringen die Zellen in unterschiedlich schnellem Maße zum Absterben, wobei diese erheblich schrumpfen. Dadurch treten Mess-Differenzen zwischen Frisch- und Herbarmaterial im Medium Leitungswasser auf (shrinking-effect, vgl. BARAL 1987). Messungen an einem Apothecium, dass zur Hälfte frisch, zur anderen Hälfte nach zwei Jahren Lagerung im Herbar untersucht wurde, ergaben bei den Sporen Größendifferenzen von rund 15% in Länge wie in Breite. Messungen der Asci ergaben ebenfalls stark unterschiedliche Ergebnisse zwischen Werten von turgeszenten (vitalen) und toten (jeweils Sporen enthaltenden) Asci oder zwischen turgeszenten (vor Sporenabschuss) und entleerten Asci (20-25% Längen-, bis zu 35% Breitenabnahme direkt nach dem Sporenabschuss!).
  • Notizen zu etwa vorhandenen Öltropfen in den Sporen. Diese werden von BARAL (1992: 357) als wichtiges Artmerkmal hervorgehoben, sowohl bezüglich des Gesamt-Lipidgehalts der Spore, als auch der Größe, Anzahl und Verteilung innerhalb der Spore. Die Einschätzung des Ölgehalts einer Spore wird, angelehnt an BARAL (1992: 363), in 6 Stufen vorgenommen (vgl. "Schlüssel": Abkürzungen). Die Größe der Tropfen kann zwar Hinweise zur Artdiagnostik leisten, doch verändern sich diese durch Zusammenfließen durch äußere Einwirkung, z.B. Austrocknung und Wiederbefeuchting oder durch benutzung bestimmter Chemikalien, so dass zur sicheren Beurteilung Vitaluntersuchungen unabdingbar sind.
  • Die Sporenseptierung stellt ein weiteres wichtiges Merkmal dar. Allerdings ist zu unterscheiden, ob die Sporen bereits im lebenden reifen Ascus septiert sind (BARAL, pers. Komm.), oder ob Septen nur außerhalb des Ascus auftreten und ob sie in diesem Fall eventuell nur vereinzelt an überreifen oder bereits keimenden Sporen vorkommen, oder konstant. Nach BARAL (pers. Komm.) kommen an überreifem Material gelegentlich auch Phialiden vom Phialophora-Typ vor. Ferner ist darauf zu achten, ob die Sporen am Septum etwas eingeschnürt sind oder nicht.
  • Weiterhin sollte darauf geachtet werden, ob die Sporen von einer Gelhülle umgeben sind und auch ob die Sporenwand auf Lugol eine rote Reaktion zeigt. Beides kommt nur bei wenigen Arten vor.

    Folgendes sollte ferner bedacht werden:
  • Überreife oder nachgereifte Kollektionen zeigen oft untypische Sporeninhalte und -größen.
  • Nicht selten kommen parasitierte Apothecien vor, die dann oft Unmengen von Konidien beherbergen, die fälschlicherweise für die richtigen Sporen gehalten werden könnten. Tückisch sind besonders die intrahymenialen Parasiten aus der Gattung Helicogonium, die innerhalb des Mollisia-Hymeniums lediglich Asci ausbilden und die Wirts-Asci ganz oder teilweise ersetzen. Die meisten Helicogonium-Arten bilden nur zeitweise 8 Sporen im Ascus, die dann durch Knospung eine Vielzahl von Konidien noch innerhalb des vitalen Ascus bilden. Weiters ist der Ascusporus bei sämtlichen Helicogonium-Arten Jod-negativ (nach BARAL 1999), jedoch bei den allermeisten Arten von Mollisia Jod-positiv (Ausnahme: z.B. Mollisia ligni).

  • LITERATUR

    BARAL, H.O. (1987) - Lugol's solution/IKI versus Melzer's reagent: hemiamyloidity,a universal feature of the ascus wall-Mycotaxon 29: 399-450.
    BARAL, H.O. (1992) - Vital versus Herbarium Taxonomy: Morphological differences between living and dead cells of ascomycetes, and their taxonomic implications. Mycotaxon 46(2): 333-390.
    BARAL, H.O. (1999) - Helicogonium .........
    WEBER, E. (1992) - Untersuchungen zur Fortpflanzung und Ploidie verschiedener Ascomyceten. Bibliotheca Mycologica 140, 186 S.